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Pressespiegel - Archiv

 

 

Eine Vision für die „Verbotene Stadt"
Der Dorstener Ralf Ehlert will die ehemalige Zeche zum Leben erwecken.
13.02.2010, LOKALlust Dorsten,
Oliver Mengedoht

Was Ralf Ehlert mit dem Gelände der Zeche Fürst Leopold vor hat, ist nicht viel weniger als der geplante Aufbau eines neuen Stadtteils - jetzt muss er nur noch den Hervester Anwohnern die Angst vor Veränderung nehmen. Das Projekt ist beinah zu fantastisch, um es zu glauben: Während in anderen Ruhrgebietsstädten die alten Zechen verrotten und mitunter mitten in den Zentren gigantische Brachflächen darstellen, wird in Dorsten das ganze Gelände zu neuem Leben erweckt. Und es könnte ganz Dorsten mit erwecken.

Das Gelände wird zu neuem Leben erweckt
Am 19. Dezember 2008 hat die Unternehmensgruppe von Investor Jürgen Tempelmann zwölf Hektar des Zechengeländes erworben, nach fünf Jahren Verhandlungen. Insgesamt ist die Zeche 53 Hektar groß - wie Hervest. Ralf Ehlert, Geschäftsführer von Prisma Immobilien für die TeDo-Gruppe, hat irrsinnig viel mit den denkmalgeschützten Gebäuden vor: Eine Oldtimer-Ausstellung in den Kauen, darüber eine Stadthalle mit fast 200.000 Quadratmetern, darunter Kunstausstellungen, ein Kinder- und Jugendhaus, aus altem Geröll soll ein Amphitheater auf dem Festplatz entstehen und noch viel, viel mehr Kultur. Am Beispiel Musik erklärt der ehemalige Musical-Produzent und Hauptdarsteller Ehlert, was alles jeweils auch für die Bereiche Malerei, Skulpturen, Film, Foto und Tanz zu erwarten ist: Proberäume für mehrere hundert Bands, Seminare, eine Musikerbörse, eine Bühne mit Instrumenten und Licht für Sessions, Tonstudios, Musikgeschäfte, Autogramm und Plakatdruckerei (da zieht schon die renommierte Firma Kito Art aus Gelsenkirchen ein).


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Foto: Hanjo Schumacher

Die ersten Verträge sind schon unterschrieben
Merchandising und Künstlervermittlung sowie Licht- und Tonverleih. Und das alles ist auf die anderen Kunstbereiche zu übertragen. Michael „Jaxon" Bellina aus London hat bereits einen Vertrag für das Torhaus Ost unterschrieben. Der gebürtige Hervester produziert unter anderem Kylie Minogue und die Pussycat Dolls.

Dazu will Ehlert den „schönsten Biergarten des Ruhrgebiets" einrichten, wo auch Konzerte stattfinden sollen, ein Skulpturengarten und eine Disco, die in der Woche vom Jugendamt für Veranstaltungen genutzt werden könnte. Ökologisch soll das Gelände möglichst selbstständig werden; durch Photovoltaikanlagen auf den vielen Dachflächen, Geothermie und vielleicht die Vergasung von organischen Abfällen: „Bei Gastronomie und Geschäften fällt einiges an", meint Ehlert. Tragen soll sich das Kulturzentrum durch Fitnesscenter, Billardhalle, Clubs und Bars, Tennishalle, Bowlinghalle, eine Bank, Hotel, Restaurant und Eisdiele sowie 1.500 Quadratmeter Lebensmittelhandel, 800 für einen Discounter, 500 für Getränkehandel und zweimal 500 für „nichtinnenstadtrelevantes Sortiment", vermutlich im Bereich Möbel und Tierfutter. „Ich brauche den Handel, um die Kultur zu finanzieren", erklärt Ehlert. Ursprünglich waren 7.800 Quadratmeter Verkaufsfläche laut Gutachten erlaubt, aber das gab einen Aufschrei in der Innenstadt und die Stadt gab ein neues Gutachten in Auftrag: Jetzt sind es nur noch 3.800 Quadratmeter, die Ehlert so verpachten darf.

„Das Geld fehlte natürlich und wir mussten alles von vorne verhandeln", bedauert er. Inzwischen laufe die Zusammenarbeit mit der Stadt aber sehr gut. Die RAG steckt seit September rund 17 Millionen in die Dekontamination der Gebäude, die erstmalig nach und nach bearbeitet und an Prisma Immobilien übergeben werden, im Oktober war das erste Gebäude soweit. „Mit Jürgen Tempelmann bin ich wochenlang über das Gelände gelaufen und wir haben geguckt und notiert, welches Gebäude bleibt, welches Rohr, wirklich alles. Ist ein dickes Buch geworden", lacht Ehlert. „Der weiße Förderturm ist leider kurz vorher in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entfernt worden."

Mitte des Jahres werden die Mauern eingerissen
Nichts ist saniert, nichts erschlossen, es gibt keine Bebauungspläne und noch herrscht das Bergrecht. Architekten, Gutachter für verschiedene Bereiche, Landschaftsplaner, Rechtsanwälte sowie alle Ämter der Stadt und einige bei der Kreisverwaltung sind mit der Zeche beschäftigt, einige hundert Menschen. „Wir stellen jetzt die ersten Bauanträge, die werden geprüft, Mitte des Jahres können wir anfangen", so Ehlert.

„Am 19.6.2010 werden wir die Mauern einreißen und die Verbotene Stadt für die Bevölkerung öffnen", kündigt Ralf Ehlert an. Leider hätten viele Menschen in der Stadt Angst vor den Veränderungen, aber „hier geschieht ja nur Positives, und wir zeigen alles, wir öffnen dieses Gebiet. Darum reißen wir ja die Mauern ab - nur einige Artefakte bleiben stehen um zu zeigen, wie es einmal aussah." So will Ehlert das Zechengelände auch über den Harsewinkel gut an den Stadtteil Hervest anbinden. „Das wird nicht so steril wie Zeche Zollverein", verspricht erden Dorstenern.

In einem ersten Schritt entstünden rund 300 neue Arbeitsplätze, glaubt Ehlert. „Später 1.000, auf die 3.500 wie zur Kohlezeit kommen wir nicht mehr." Fördergelder für dieses Kulturzentrum mit überregionaler Bedeutung gebe es nur für die Flächen, nicht für die Tempelmann-Projekte. „Das muss sich selber tragen."

Derweil macht der Geschäftsführer sich Gedanken um jedes Detail: Er sucht passende Betreiber für die Läden, Künstler, die offen sind und Seminare geben, „ich habe alles bis zum letzten Stuhl geplant. Ich bringe das Know-how aus meinem ersten Leben als Revue-Produzent und Musiker mit, ich fotografiere und male, aber kann auch mit den Banken sprechen - nicht nur Künstler, sondern auch Ökonom."

 

Ehlert verspricht, aus jedem Gespräch etwas mitzunehmen. „Auch Kritik, lieber es wird vorher etwas gesagt, als hinterher, wenn es nichts mehr nutzt." Dem Bergbauverein wurde das Maschinenhaus geschenkt - „irgendwann dürfen vor den Maschinen hoffentlich Menschen heiraten" - und Fotografen, die sich im Creativquartier ansiedeln, dürfen, dank Ehlerts Beziehungen zur RAG, auf allen Zechen im Ruhrgebiet arbeiten. Anfang 2011 sollen die Bauarbeiten beginnen.

Infos unter www.creativquartier.de 


 

Ein Konzept muss her
Verein für Bergbaugeschichte arbeitet an einem Dokumentationszentrum rund um die Dampfmaschine
01.02.2010, WAZ, Jo Gernoth


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Der Bergbau hat in Dorsten Spuren hinterlassen und diese Spuren sind nicht nur irgendwelche Risse in Gebäuden und abgesenkte Straßen, sondern ein reichhaltiger Schatz von kulturellem Erbe einer Epoche des Industriezeitalters. Ein Leuchtturm dieser großen Zeit ist die Dampfmaschine in der Maschinenhalle von der ehemaligen Zeche Fürst Leopold. In einem Workshop hat der „Verein für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte Dorsten" jetzt das Fundament für ein nachhaltiges Konzept einer Dokumentationsstätte auf den Weg gebracht.

Um den Erhalt der Dampfmaschine sicher zu stellen, hat sich vor sechs Jahren der Verein gegründet. Sehr bald war klar, dass die Dampfmaschine ein tonnenschweres Kleinod aus der Arbeiter- und Arbeitskultur der Stadt Dorsten ist. Ein Thema, das bei der „Stiftung Industriedenkmal" in Dortmund großes Interesse ausgelöst. Der Dorstener Verein, der stattliche 240 Mitglieder zählt, hat die Aufgabe übernommen, die zahlreichen Ideen in eine Konzept zu verwandeln und Zielgruppen für ein solches Dokumentationszentrum zu benennen.

Eine Aufgabe, die konzentriertes Arbeiten und vor allem persönliches Engagement fordert. „Herzblut ist bei dieser Sache gefragt. Es gibt mittlerweile so viel Material, dass schnell eine Räumlichkeit geschaffen werden muss," sagt Ernst Koch, der als Geschäftsführer des Vereins fungiert.

„Wir wollen möglichst viele Gruppen und Personen ins Boot holen. Es soll ein lebendiges Bild einer Epoche gezeigt werden, die einst Wohlstand, aber auch harte Arbeit bedeutete. Wir haben viele Zeitzeugen und zeitgenössisches Material. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, die für Dorsten einen echten Gewinn darstellen werden," ist sich Dr. Hans-Udo Schneider sicher, der als Wissenschaftler und Industriepfarrer gleich doppelt gut in das Team passt.

Mareen Heinemann hatte am Ende des Workshops vier große Tafeln mit Ideen und Beschlüssen des Workshops auf den Punkt gebracht und die rund 30 mitwirkenden Mitglieder mit einem ordentlichen Arbeitspaket entlassen. Ehrenamtliche Arbeit, die der Stadt Dorsten einen touristischen Anlaufpunkt der Extraklasse bescheren kann. Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage der Finanzierung. Mittel könnten aus dem Zehn-Millionen-Topf zur Entwicklung der sozialen Stadt Hervest kommen. Da liegt ein möglicher Förderansatz bei 580 000 Euro.

Eine Summe, die durch die „Stiftung Industriedenkmal" aufgestockt werden müsste. „Sponsoring, Citizenship und eine breite Verankerung in der Bevölkerung sind weitere Schritte, die wir gehen wollen. Dabei unterstützen uns die Stadt und auch der Investor Tempelmann vorbildlich," stellt Volker Jenau fest, der sich als Hervester Ratsmitglied in dem Verein engagiert. Ganz sicher ist diese Idee eine gute für ganz Dorsten.

In einem Workshop hat sich Verein für Bergbaugeschichte am Wochenende Gedanken über das Konzept für ein Dokumentationszentrum um die alte Dampfmaschine gemacht.

Foto: Cornelia Fischer


Schacht 2 verliert die Halle
Fürst Leopold: Baudenkmal soll teilweise abgerissen werden
20.01.2010, WAZ

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Luftbild: Hans Blossey (WAZ)

Obwohl das Fördergerüst von Schacht 2 der Zeche Fürst Leopold mit Hängebank und Wagenumlauf (Schachthalle) in die Denkmalliste eingetragen ist, hat den RAG den Antrag zum Abriss der Halle gestellt. Die untere Denkmalbehörde werde dafür grünes Licht geben, kündigt die Verwaltung in einer Vorlage für den Planungsausschuss (26. Januar, 15 Uhr, Ratssaal) an. Sinnvoll sei es, „die nachhaltige Sicherung des Fördergerüstes zu gewährleisten".

Der Erhalt der Halle sei „aus statischer Sicht nicht möglich", urteilt ein Gutachten, das die RAG in Auftrag gab. Die Halle sei konstruktiv mit benachbarten Anlage verbunden, drohe deshalb bei deren Abbau einzustürzen. Außerdem sei aufgrund fortgeschrittener Korrosion an den Stahlteilen und Zerfall der Ausfachungen die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben. Auch die Möglichkeit, lediglichlich das reine Stahlfachwerk zu erhalten, gebe es nicht.


 

RAG bereitet Zechengelände auf die Zukunft vor
17.10.2009, Sonntagsblatt.

Auf Fürst Leopold wird wieder gearbeitet: In den nächsten eineinhalb Jahren wird für 16 bis 17 Millionen Euro das Zechengelände in Hervest-Dorsten zurückgebaut, abgerissen, aufbereitet. Ziel ist, es mit neuen Aktivitäten wieder zu beleben – zu „reaktivieren“.

Vor dem früheren Gesundheitshaus steht das riesige Hinweisschild, ganz weit hinten auf dem weitläufigen Gelände ist das schwere Gerät schon in Stellung gefahren. In insgesamt vier Schritten wird das Gelände umgemodelt.

In den ersten beiden Schritten geht es längs der Halterner Straße (bis Mitte 2010) an die Sicherung von Altbauten gegen Schäden des kommenden Winters. Werkstatt, Grubenlüfter und Lager werden platt gemacht. An Lohnhalle und der Kaue sind Ausbesserungsarbeiten nötig, ebenso an den beiden Torhäusern. Diese sollen bereits Ende des Monats fertig sein, dann kommen die Handwerker der Tempelmann-Tochter Tedo GmbH und machen weiter.

Denn Schritt für Schritt übernimmt Tedo die Gebäude von der RAG Montan, nachdem diese ihre Rückbauarbeiten erledigt hat.

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In den Baustufen drei und vier werden im hinteren Bereich die größeren Gebäude beseitigt: Bunkeranlagen, Aufbereitung und Sieberei. Stehen bleibt auf jeden Fall das Maschinenhaus. Das soll nun aber doch nicht Teil des Tempelmann-Konzeptes werden wie bislang geplant. Hier hat der Bergbauverein sich bereits an die Arbeit gemacht, um eine der beiden historischen Dampfmaschinen in Funktion zu halten und drum herum ein Dokumentationszentrum zu bauen. Derzeit wird mit der Stiftung Industrie-Denkmal verhandelt, eine Entscheidung stehe in Kürze an, so die Stiftung. Der Bergbauverein wertet das bereits als die beste Lösung für alle Beteiligten.

Unklar ist übrigens auch noch ein Kernstück des Zechengeländes, die Ansiedlung eines Einzelhandels-Komplexes (aus dessen Erlös die vielen Kultur-Konzepte finanziert werden sollen). Die Politik hatte die Ansiedlung eines Kaufland-Marktes verweigert (weil Zentrums-schädlich). Die Verhandlungen mit Interessenten laufen, so Tedo.


 

Minister verspricht 12 Mio. Euro
21.07.2009, Dorstener Zeitung, Michael Klein.

20090721_MinisterbesuchFrohe Botschaft für den Stadtteil Hervest und die gesamte Stadt: In den kommenden Wochen soll der Bewilligungsbescheid in Höhe von 12 Mio. Euro für die Entwicklung der Zechen-/Ruhrgas-Fläche erteilt werden. Dies teilte Lutz Lienenkämper, der neue NRW-Minister für Bauen und Verkehr, bei seinem Info-Besuch am Dienstag in Dorsten mit. Die Fördersumme kommt aus den Mitteln des Regionalen Wirtschaftsförderungs-Programmes des NRW-Wirtschaftsministeriums. „Wir wollen das honorieren, was hier an guten Dingen geplant ist“, so der NRW-Bauminister.

 

Der neue NRW-Minister von Bauen und Verkehr, Lutz Lienenkämper (links), besuchte gestern das ehemalige Zechenareal. Prof. Hans-Peter Noll (RAG Immobilien) und Investor Jürgen Tempelmann (rechts) erklärten ihm die Pläne. Foto: Klein

„Damit können wir den Grundstücks-Erwerb der ehemaligen Ruhrgasflächen angehen“, erklärte Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, der den Gast auf dem Areal der ehemaligen Zeche begrüßte. Auch die Erschließung des Geländes bezeichnete Lütkenhorst als vordringliche Aufgabe, die aus den Fördermitteln finanziert werden soll.

"In der Stadt ist was los"

Dorsten war aber nur eine Anlaufstelle für Lutz Lienenkämper in den vergangenen Tagen: Der Minister informierte sich im gesamten Kreisgebiet über den Strukturwandel, die Erfolge und Probleme, die er mit sich bringt.

„Was er in Dorsten sah, gefiel im wohl: „Hier zeigt sich, dass in der Stadt was los ist, dass sich etwas entwickelt“, sagte der Minister, nachdem ihm der Bürgermeister, Prof. Noll (RAG-Immobilien), Investor Jürgen Tempelmann und Manfred Wissing vom Verein für Bergbau, Industrie- und Sozialgeschichte die jeweiligen Pläne erläutert hatten, was alles auf dem Zechengelände geplant ist.

Folgeinvestitionen

Lutz Lienenkämper wies auch auf die zehn Millionen Euro hin, die die Stadt für das Projekt „Soziale Stadt Hervest“ bewilligt bekommt. „Kein verlorenes Geld“, sagte er, „denn für jeden Euro aus öffentlichen Mitteln werden in dem Programm acht Euro an privaten Investitionen erwartet.“ Hieße für Hervest: „Es werden in der Folge 80 Millionen Euro generiert. Das ist von großer wirtschaftspolitischer Bedeutung.“


 

Jetzt beginnt die Detailarbeit
10.06.2009, WAZ , Ludger Böhne

Der Planungsausschuss befasst sich am Dienstag mit der Belebung der Zechenflächen und dem Projekt Soziale Stadt. Zuvor werden die Pläne fürs historische Kernensemble von Fürst Leopold in der Lohnhalle für alle interessierten Bürger vorgestellt.

Mit dem Einzug des Bergbaus vor hundert Jahren wuchs das Dorf von 600 Einwohnern zur Kleinstadt mit 6000 Einwohnern. Mit der Schließung der Zeche (4000 Arbeitsplätze) wurde die Kleinstadt im neuen Jahrtausend zur Problemstadt. Mit zwei großen, komplexen und millionenschweren Projekten – Folgenutzung Fürst Leopold und Programm Soziale Stadt – sollen die Hervester Nöte gelindert werden. Eine Ahnung, wie viele Detailfragen zu klären sind, vermittelt die nächste Sitzung des Planungsausschusses am Dienstag, 16. Juni, 16 Uhr im Rathaus: Gleich vier Punkte der ohnehin umfangreichen Tagesordnung befassen sich mit dem gewaltigen Umkrempeln eines Ortsteils, dessen Dimensionen am Ende den Stadtumbau in Barkenberg noch übertreffen werden.

Viel war zuletzt die Rede vom historischen Kernensemble der Zeche. Der Dorstener Investor Jürgen Tempelmann hat die Gebäude (Lohnhalle mit Kauen, Maschinenhaus) gekauft und will dort Kultur, Freizeit und Gastronomie im weitesten Sinne unterbringen, ferner auf Freiflächen zwischen Hellweg-Baumarkt und Zechengebäuden rund 4000 Quadratmeter Verkaufsfläche für Einzelhandel (Supermarkt, Discounter, Fachmärkte) neu bauen. Insgesamt hat die Tempelmann Dorsten GmbH zwölf Hektar erworben, 6,9 davon bilden das Plangebiet für Kultur und Handel. Was im Detail entsteht, soll „vorhabenbezogen” (sprich: flexibel nach den Erfordernissen des Investors) festgelegt werden, heißt es im Bericht von Stadtbaurat Holger Lohse. Der Planungsausschuss soll am Dienstag das Satzungsverfahren für den Bebauungsplan dieser Teilfläche starten.

Die Tempelmann-Flächen sind sicherlich das Sahnehäubchen auf dem großen Zechenkuchen. Parallel zur Entwicklung von Kernensemble und Einzelhandel soll am Dienstag auch die Ausweisung von Gewerbeflächen ringsum starten. Bei der nutzbaren Fläche des insgesamt 16 Hektar großen Plangebietes handelt es sich im wesentlichen um die früheren Lagerflächen des Bergwerks und die Parkplätze abseits der Torhäuser. Mit der Umwandlung in Gewerbeland für Handwerk und Produktion (Handel wird nur mit Autos und Baustoffen zugelassen) soll zugleich das gesamte Areal erschlossen werden. In diese Teilplanung gehört auch die Erschließung der umgebauten Zeche, vor allem der Bau der Fürst-Leopold-Allee parallel zur Halterner Straße quer übers Püttland sowie zwei Kreisverkehre (einer im Plangebiet, einer an der Ecke Halterner-/Joachimstraße). Die Kosten dafür werden größtenteils vom Bergbau aufgebracht oder durch Zuschüsse gedeckt und belasten das ohnehin leere Stadtsäckel kaum.

Einzelhandel, Kultur und Gewerbeland sind nur Teile des Gesamtareals. Drei weitere Detailplanungen müssen sich anschließen: Im Osten für Ruhrgasflächen, Bergbau-Grünbereiche und Kohlelager, im Norden („Wenge West”) zur Ergänzung der Verkehrserschließung und im Nordwesten zur Erweiterung des städtischen Betriebshofes. Langfristig soll laut neuer Flächenplanung außerdem Gewerbeland jenseits der Straße An der Wienbecke ausgewiesen werden.

Zum Programm Soziale Stadt sind in der Sitzung nur zwei Regularien zu erledigen: Die Gebietsgrenzen für Projekte werden exakt festgelegt Außerdem will Dorsten dem „Städtenetz Soziale Stadt NRW” beitreten, in dem sich bisher 29 Kommunen über die Erneuerung von Stadtteilen austauschen. Vertreter in diesem Gremium soll Stadtbaurat Holger Lohse werden.

Es bedarf sicher keiner ausdrücklichen Begründung mehr dafür, der alten Zeche neues Leben einzuhauchen. Gleichwohl bringt's der Umweltbericht der Essener Landschaftsarchitekten Davids, Terfrüchte und Partner gut auf den Punkt: „Mit der Stilllegung der Fläche ohne Neuentwicklung verliert der Stadtteil seine Kraft, seinen Motor. Dass Hervest sich zu einem „Nur”-Wohnstandort entwickelt, scheint schlecht vorstellbar, ist doch die Geschichte eng mit der Zeche verbunden. Hervest wird etwas fehlen. Am augenscheinlichsten sticht dies an der Halterner Straße hervor, die ihr bauliches Gegenüber verliert.” Ob neu und umgebaut wird oder nicht, so die Umweltplaner, scheint ökologisch unerheblich. Denn die für Industriebrachen typischen Tier- und Pflanzenarten im „Lebensraum der großen, weiten Schotterflächen” gingen so oder so verloren. „Diese Strukturen bedürfen einer regelmäßigen Nutzung, ohne die sich Wald einstellen würde”, so die Planer.

Wegen seiner dreieckigen Form wird die Planfläche für Altgebäude und neuen Handel auf Fürst Leopold auch „Kuchenstück” genannt. Vor der Sitzung des Planungs-Ausschusses am Dienstag, 16. Juni, lädt Ralf Ehlert – als Projektentwickler sozusagen Chefkonditor für dieses Kuchenstück – um 15 Uhr zu einer öffentlichen Präsentation der Planung in der Lohnhalle ein. Als Referent wird auch Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Chef der RAG-Tochter Montan Immobiligen erwartet.

In Details hat sich das Konzept für die Nutzung der Denkmal-Bauten (WAZ berichtete mehrfach) in Kleinigkeiten geändert. Letzter Stand: Der Bergbauverein soll das Maschinenhaus komplett bekommen; hinter dem rechten Torhaus wird ein Neubau für Bowlingbahnen entstehen.

Insgesamt werden 30 000 m² Flächen für Freizeit und Kultur entstehen: Artboardinghouse (zu deutsch Kunstherberge) in der Lohnhalle, Oldtimerschau in den Kauen, Probenräume für Bands, Foto-Ateliers, Gastronomie, Bar und Musikclub. „Komplett privat finanziert”, so Ehlert.

Viele Pläne seien fertig und mit konkreten Nutzern hinterlegt, einige Vereinbarungen seien bereits unterschrieben. Platz sei auch für eine Kinder- und Jugendeinrichtung. Ehlert: „Die Fläche steht zur Verfügung. Aber da müssen wir in Absprache mit Stadt und Kirche noch konkreter werden.”

Nach der Präsentation bietet er interessierten Bürgern zudem einen Rundgang über das Gelände an.


 

Camper staunten über Kohle und Kaue
25.05.2009, Dorstener Zeitung

"Zehn- bis fünfzehntausend Kilometer im Jahr, wir kommen ganz schön viel herum", stellt Belgier Wilfried Deuntte mit seiner Frau Maria Goeejebeun fest. Zusammen mit 95 anderen Campergenossen des Kampeerautoclubs de Zwervers aus Belgien statteten Wilfried und Maria im Rahmen ihrer Tour durch Deutschland Dorsten einen dreitägigen Besuch ab.

20090525_DZ_CamperAm Samstagmorgen standen die nostalgische Geschichte und die Industriekultur des Ortes im Vordergrund. Geleitet von Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, Manfred Wissing vom Verein für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte Dorsten und Mitarbeiterinnen der Stadtinfo erkundete die Gruppe das Zechengelände Fürst Leopold.

Von der 1911 erbauten Dampfmaschine bis hin zur Lohnhalle und der Kaue bekamen die interessierten Camper alles zu sehen. Der Vorsitzende der Kampeerautoclubs Rudy De Backer zeigt sich begeistert: "Das alles hier ist wirklich sehr beeindruckend. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass wir in Belgien unsere Zechen schon lange geschlossen und nur noch wenige davon erhalten haben."
 

 

Historie mit eigenen Augen betrachtet

Den Campern wurde deutlich, wie sehr die Stadt Dorsten und die Kohle noch miteinander verknüpft sind, "war doch Fürst Leopold der Ort, an dem alles begann", wie Lütkenhorst bemerkte. Dank des Einsatzes von WinDor und des Bergbauvereins konnten die Belgier die Historie des Ortes mit eigenen Augen betrachten.

Barbara Seppi von der Stadtinformation erhofft sich, dass es zukünftig sogar möglich sein wird, die Hallen und das Gelände touristisch zu erschließen: "Angesicht Ruhr 2010 wäre das sicherlich eine enorme Bereicherung der Region auch wenn schon ein Nutzungskonzept für das Zechengelände vorliegt."

Den Abschluss der Tour bildeten eine Besichtigung der Kaue und die Worte des Bürgermeisters: "Wer sich jetzt ausziehen möchte, kann seine Sachen hier lassen und im nächsten Jahr wiederkommen."


 

Kultur- und Begegnungszentrum in der Maschinenhalle?
08.05.2009, Dorstener Zeitung

Der Bürgermeister will Dampf machen in Sachen Maschinenhalle auf dem Zechengelände. Dort will er Kultur und Begegnung einen öffentlichen Raum verschaffen.

"Ich werde mich in den kommenden zwei Wochen mit Evonik-Vorstandsmitglied Ulrich Weber treffen", kündigte Lambert Lütkenhorst an. "Wir müssen das Gebäude endlich anpacken."

Denn die Denkmalschutzbehörde erwartet ein vernünftiges Nutzungskonzept für das unter Schutz stehende Gebäude. Wie ein solches aussehen könnte, darüber will sich Lütkenhorst mit Ulrich Weber, der gleichzeitig Kuratoriums-Mitglied der Tisa von der Schulenburg-Stiftung ist, verständigen.

Dem Bürgermeister schwebt eine Art Kultur- und Begegnungszentrum vor, das auch von der Stadt genutzt werden kann. "Über eine Trägerkonzeption muss man sich dann Gedanken machen." Lambert Lütkenhorst würde da natürlich mit dem Verein für Bergbau- und Sozialgeschichte zusammenarbeiten.

Denn der hat ein Pfund in der Halle stehen, mit dem man wuchern kann: "Die tolle, restaurierte schwarze Dampfmaschine." Außerdem will der Verein bekanntlich in diesem Gebäude ein Info- und Dokumentationszentrum zur Bergbaugeschichte gründen. Im Handlungskonzept "Soziale Stadt Hervest" ist bereits ein Geldbetrag dafür eingestellt, der noch in diesem Jahr abgerufen werden muss.


Zwillings-Maschine soll Platz räumen

Das grüne Zwillings-Pendant der Dampfmaschine, so die Überlegungen, soll weichen. Das würde genügend Platz schaffen für einen großzügigen Raum, in dem Ausstellungen, Konzerte, Meeting und andere Veranstaltungen stattfinden könnten. Ein Schwerpunkt soll die Beschäftigung mit der Dorstener Ehrenbürgerin und Künstlerin Schwester Paula sein. "Man könnte dort zum Beispiel das Museum für Tisa-Projekte des Dorstener Kunstvereins zeigen", so Lambert Lütkenhorst.

Aber auch andere Vereine und Gruppen sollen die Maschinenhalle mieten können, damit sich das Nutzungskonzept finanziell als tragfähig erweist.

Die Maschinenhalle gehört zum Gesamtpaket, das die Tempelmann-Gruppe von der Ruhrkohle erworben hat. Dem Vernehmen nach gibt es aber eine halbjährige Ausstiegsklausel, sollte der Investor das Gebäude nicht haben wollen.


 

Zeche verkauft !
Ludger Böhne. WAZ-Dorsten, 22.01.2009

20090122_Zeche_verkauft1Die Tempelmann GmbH kauft zwölf Hektar Fürst Leopold. In den historischen Gebäuden im Kern-Ensemble soll schon bis Jahresende Kunst, Kultur und Gastronomie angesiedelt werden. Pläne gibt es darüber hinaus auch für Handel und Gewerbe. Arbeitsgruppe im Rathaus begleitet die Planung.

Das historische Ensemble der alten Zeche Fürst Leopold und Flächen längs der Halterner Straße sind verkauft: Noch im alten Jahr hat die Tempelmann Dorsten (Tedo) GmbH zwölf der 53 Hektar Zechenfläche von der RAG Montan Immobilien-Gesellschaft erworben.
 

Mit Hochdruck sollen die Altbauten nun für Kultur und Freizeit nutzbar gemacht, zudem Einzelhandel angesiedelt werden. Eine Projektgruppe im Rathaus (Bürgermeister Lambert Lütkenhorst: „Das wird natürlich Chefsache”) soll ab Montag die Planung begleiten. Prof. Dr. Hans Peter Noll, Chef der RAG Immobilien GmbH am Donnerstag bei der Vorstellung erster Pläne: „Heute ist ein schöner Tag, ein Durchbruch in vielerlei Hinsicht.” Der Verkauf an Tempelmann sei „ein erster großer und wichtiger Baustein” für die weitere Entwicklung des Standorts.
 

Erste Ideen für die Nutzung

Ralf Ehlert, Geschäftsführer der zu Tempelmann gehörenden Entwicklungsgesellschaft Prisma Immobilien, stellte erste Details und Ideen für die Nutzung vor.

Handel soll sich ansiedeln auf dem Leopoldland, etwa zwischen den Einmündungen Joachim- und Glück-Auf-Straße – streng nach den Maßgaben des Geschäftsgutachtens: Supermarkt (1500 m2), Discounter (800 m2), Getränkeladen und zwei Fachmärkte (je 500 m2). Ehlert: „Wir müssen Handel machen – damit wir uns die anderen Nutzungen leisten können.”

Andere Nutzungen - die Ideen dafür sind durchaus noch im Ungefähren. Es gibt Interessenten für Räume, aber naturgemäß noch keine Verträge. Laut aktueller Skizze könnte aus der Lohnhalle ein Hotel und Atelier-Haus werden mit Platz für Musikschulen, Probenräume, Bühnen, Tonstudios, eventuell Fachgeschäfte und eine Ausstellungshalle in den großen Kellergewölben. Relativ sicher ist, dass Bildhauer Norbert Then (betreibt derzeit das „Kunstkraftwerk” in Stadtlohn) nach Dorsten ziehen wird. In den Kauen könnte eine Oldtimer-Ausstellung einziehen. Im Trafogebäude will Prisma – Vorbild Bottrop – selbst eine Disco oder einen Club betreiben, durch eine Brücke verbunden mit dem Maschinenhaus, das durch eine gläserne Wand geteilt wird in eine Veranstaltungshalle und einen Bereich (wo die alte Dampfmaschine steht) für den Bergbauverein. In der Dampfzentrale könnten Billard, Bowling, Bistro und Fitness-Studio ein Quartier finden, rund um den Platz schließlich soll sich Gastronomie ansiedeln.
 

Zwei alte Gebäude werden abgerissen

20090122_Zeche_verkauft_ensembleAm Rande des historischen Ensembles gebe es jedoch auch „zwei tragische Abgänge”: Werkstatt und Kraftwerk sind so marode, dass sie abgerissen werden müssen, berichtet Architekt Andreas Herrmann, der für Tempelmann den Freizeitbereich betreut.

Der Investor möchte die alten Gebäude „noch in diesem Jahr bespielen”, so Ehlert. Auch, um weitere Schäden durch noch einen kalten Winter zu verhindern.
 

Parallel zu Tempelmann wird die RAG Immobilien an der Entwicklung der Fläche arbeiten, in Richtung Wenge 45 000 m2 Gewerbeflächen entwickeln für kleinere Betriebe (Preis 40 bis 45 € je Quadratmeter). Außerdem werde die RAG einen Teil der Erschließung sowie die Anbindung an den Harsewinkel durch einen Kreisverkehr finanzieren sowie den Festplatz anlegen.


Den Jungen zeigen, wie die Alten lebten.

Nachdem Abschied vom Bergbau will Manfred Wissing das Erbe der Industriekultur in Dorsten bewahren. Klaus-Dieter Krause, Dorstener Zeitung, 17.12.2008

Mit der letzten Schicht auf dem Bergwerk Lippe endet auch der Bergbau unter Dorsten. Manfred Wissing, Vorsitzender des Vereins für Bergbau-, Industrie- und Sozialgegeschichte, blickt daher im Gespräch mit Klaus-D. Krause nicht nur auf ein Kapitel der Stadtgeschichte zurück, sondern denkt auch darüber nach, wie dieses kulturelle Erbe bewahrt werden kann.

Herr Wissing, Freitag fahren im Bergwerk Lippe die Bergleute zur letzten Förderschicht ein, auch viele ehemalige Kollegen. Was empfinden Sie, wenn Sie daran denken?

Wissing: Mein Leben auf der Zeche war geprägt durch den Zusammenhalt. Die Zeche gab einigen Tausend Menschen eine gewisse Identität, egal, ob es Polen, Türken oder Deutsche waren. Das galt lange auch für die Bewohner von Hervest und Holsterhausen. Durch den Domino-Effekt der Zechen-Stilllegungen und der Verteilung der verbleibenden Kollegen auf andere Schachtanlagen ist das bereits aufgeweicht worden. Es ist ein Abschied auf Raten.

Was Zechenschließungen bedeuten, ist vielen Menschen in den ersten Tagen noch gar nicht bewusst.

Für mich selbst und fast alle meiner Kollegen bedeutete unsere Arbeit: Wir produzieren und leisten etwas, wir tragen zur Wertschöpfung und zur Energiesicherung der Nation bei. Aus vielen Ecken wurden wir aber nur als Subventions-Verschwender gesehen. Man musste sich rechtfertigen, statt anerkannt zu werden.

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Kommando-Sessel der Fürst-Leopold-Dampfmaschine:
Schülern die Bergbau-Geschichte näher bringen, das ist ein erklärtes Ziel von Manfred Wissing und seinen Mitstreitern.

Welchen Stellenwert hatte der Bergbau denn in Dorsten?

Wissing: Er hat die Stadt stets polarisiert. Hier die Alstadt, dort Hervest und Dorsten. Früher hieß es: „Mädchen, die was auf sich halten, gehen nicht über den Jordan" - und damit war die Lippe gemeint. Dabei hat der Bergbau die Stadt im Grunde geprägt.

Ist der Schlussstrich jetzt endgültig oder wird vielleicht in 20 Jahren eine Rückkehr des Bergbaus erwogen?

Wissing: Nach Dorsten nicht. Wo einmal der Abbau eingestellt wurde, wäre der technische Aufwand viel zu groß. Ich persönlich glaube aber, dass eines Tages in Deutschland neue Kohlefelder erschlossen werden, weil wir auf eine eigene Energieversorgung angewiesen sind.

In Dorsten geht es jetzt aber zunächst darum, Geschichte zu bewahren. Kann ein strenger Winter die denkmalgeschützten Zechengebäude gefährden?

Wissing: Ein kalter Winter könnte so starke Schäden anrichten, dass die Sanierungskosten immens wären. Wir fürchten auch um die Dampfmaschine, weil das Dach undicht ist. Es wird höchste Zeit, dass etwas geschieht. Stadt und DSK führen deshalb derzeit Gespräche.

Was streben Sie für 2010 an?

Wissing: Wir werden uns in Dorsten um die Ballon-Aktion kümmern, mit der alte Zechenstandorte aus weiter Ferne kenntlich gemacht werden sollen. Es wäre schön, wenn wir bis dahin auch mit der neuen Nutzung der Gebäude einen Schritt weiter sind. Eine Kombination aus Tradition und Moderne würde uns gut zu Gesicht stehen, aber keine pure Nostalgie.

Was schwebt Ihnen langfristig im Fürst-Leopold-Kernbereich vor?

Wissing: Eine Plantanenallee mit einem Platz, wo Gastronomie zum Verweilen einlädt. Und dazu ein Mix, der Freizeitinteressen, Kultur und Industriegeschichte verbindet.

Kein Heimatmuseum, aber ein Ort, an dem das Jahrhundert der Industrialisierung Dorstens lebendig bleibt. Gekoppelt mit wechselnden Kunstausstellungen und, das wäre ideal, einer Tisa-Dauer-Ausstellung.

Glauben Sie, dass 2050 in Dorsten Zwölfjährige noch wissen, was ein Flöz ist?

Wissing: Nein, das glaube ich nicht. Es sei denn, es gelingt, Fürst Leopold zu einem Ort zu machen, wo Eltern, Großeltern und Lehrer den Jungen zeigen, wie die Alten gelebt und gearbeitet haben.

 

Zur Person
Manfred Wissing ist mit Hervest fest verwurzelt. Von 1953 bis 1961 hat er die Josefschule besucht, nach Ausbildung, erster Berufspraxis und Bundeswehrzeit kehrte er 1970 als Ausbilder für Elektrotechniker aufs Bergwerk Fürst Leopold zurück. 1990 zog er in den Betriebsrat ein und war auch im RAG-Gesamtbetriebsrat aktiv. Von 1996 bis zum Wechsel in den Ruhestand 2002 war Wissing Personal- und Sozialdirektor auf dem Bergwerk Lohberg in Dinslaken. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins für Dorstener Industriegeschichte, dessen Vorsitz er jetzt übernahm.


Heute ist Bergbau chic

Stimmungsvoller Glühweinabend der Freunde des Industriedenkmals, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Fördermaschine der stillgelegten Schachtanlage Fürst Leopold zu erhalten
WAZ, Jo Gernoth, 10. 12. 2008

Eine alte, nebelverhangene Industriehalle, Kerzenlicht und eine zyklopisch anmutende, riesige Dampfmaschine: Nein, es ist keine Gothic-Party, keine Zusammenkunft von Grufties, sondern vielmehr der stimmungsvolle Glühweinabend der Freunde des Industriedenkmals, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Fördermaschine der stillgelegten Schachtanlage Fürst Leopold zu erhalten.

Dass dieses Bekenntnis der Freunde dieser Ikonen der Industrialisierung kein Lippenbekenntnis ist, sondern mit handfestem Anpacken verbunden ist, beweist der Pflegezustand der Dampfmaschine. „Wir haben wirklich tonnenweise Dreck und Schmiere von jahrzehntelangem Einsatz von und aus der Maschine geholt. Die ist jetzt gewachst und konserviert. Diese Arbeit war wichtig. Wir haben außerdem den Maschinentelegrafen so umgebaut, dass wir eine Seilfahrt simulieren können und unseren Besuchern etwas bieten können", freute sich denn auch Manfred Wissing, der im stilechten weißen Steigerkittel die Gäste begrüßte.

Neben Prominenz aus Politik und Kultur der Stadt Dorsten hatten sich einige Besucher eingefunden, die nicht neugierig, sondern wehmütig auf das gewaltige Herzstück der ehemaligen Zeche blickten. „Wir haben hier mit drei Generationen gearbeitet", erklärt Gerhard Hatkemper, der noch im Jahr 2000 Überschichten gefahren hat, um den neuen Streb zu retten.

Sein Vater Helmut und sein Großvater Heinrich waren ebenso wie sein Onkel auf Leopold tätig. „Wenigstens landet das hier nicht auf dem Schrotthaufen. Das ist so wichtig, dass auch nachfolgende Generationen sehen, dass hier richtig malocht wurde", meint, Hartkemper und nimmt ganz im Stil des Bergmannes mit dem narbigen und von Jahrzehnten unter Tage gestähltem Handrücken eine Prise Schnupftabak. „Heute ist Bergbau chic. Zu meiner Zeit war es ein stolzer Berufsstand, auf den manch einer herabschaute", meint Hartkemper weiter und trifft so sicher den Kern.

Dennoch ist es erfreulich, dass sich ein Bewusstsein für die industrielle Vergangenheit entwickelt hat und auch der potenzielle Investor Jürgen Tempelmann mit seinem Erscheinen zum Glühweintrinken unterstrich, dass er mit im Boot sitzt, wenn es darum geht, den Bergbau und seine Tradition zu pflegen. Mit der gesamten geschichtlichen Situation befasst sich ein Arbeitskreis um Volker Jenau, der möglichst viel aus der Geschichte von Hervest und dem Bergbau an das Tageslicht fördern will. Alles in allem Initiativen, die für Hervest und seine Zukunft mehr als wichtig sind, denn nur wer seine Vergangenheit kennt, hat auch eine Zukunft.

Strom statt Dampf

Sie ist eigentlich nur noch ein Drachen ohne Feuer, die Fördermaschine von Fürst Leopold. Seit Juni gibt es keine Dampfversorgung mehr und ohne Dampf funktioniert dieses Fossil der Industriegeschichte nicht. Das ist eigentlich schade, aber der Arbeitskreis um Manfred Wissing und Ulrich Wilke plant die Installation eines Elektroantriebes, der den Koloss in Bewegung setzt. Den pfiffigen Tüfftlern wird dann bestimmt etwas einfallen, das den Koloss auch dampfen und zischen lässt. Dorsten ist auf jeden Fall um eine echte Attraktion für den Tourismus reicher geworden.


Hochglanz-Politur
WAZ-Dorsten, Judith Abel, 05.08.2008


(c) WAZ, Lutz von Staegmann
Der Reinigungstrupp an – und in – der Dampfmaschine von 1912
(v.l.n.r.): Ulrich Wilke, der Vize-Vorsitzende des Vereins für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte, Regina Schumachers, Martin Hagemann und Michael Halbeisen.

Der schwarze Stahl glänzt. Durch ein Loch im hohen Mauerwerk fällt Licht auf die bereits polierten Flächen der historischen Dampfmaschine. 96 Jahre war das riesige Ungetüm in Betrieb, und die harte Arbeit hat ihre Spuren hinterlassen. Um das technische Denkmal der Nachwelt zu erhalten, hat es sich der Verein für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte zur Aufgabe gemacht, die alte Maschine zu reinigen und wieder einsatzbereit zu machen.


(c) WAZ, Lutz von Staegmann Die alten Schmierfette und Öle müssen entfernt werden", sagt Ulrich Wielke, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. „Die Maschine wird von innen und außen mit Petroleum eingeschmiert und anschließend auf Hochglanz poliert", erklärt er und wischt mit einem ölverschmierten Lappen über den Kolben.

„Das Ungewöhnliche an dieser Dampfmaschine ist, dass sie immer im Originalzustand betrieben wurde", sagt Ulrich Wielke. „Damit ist sie technisch viel interessanter, als die Maschine von 1915, die 1972 ungebaut wurde." Gerade deshalb will der Verein die Maschine in einem betriebsbereiten Zustand erhalten.

„Unser Ziel ist ein dynamischer Schaulauf", erklärt der Vize-Vorsitzende, „wir wollen Interessierten zeigen, wie die Dampfmaschine funktioniert." Die Umrüstung des Stahlkoloss' auf Strom oder Druckluft würde etwa 250 000 Euro verschlingen. Der Verein sucht zwar weiter nach Sponsoren, aber noch ist die Finanzierung ungeklärt.

Die Situation für den 2003 gegründeten Verein ist schwierig. „Wir befinden uns in einem Übergangszustand. Mit der RAG war die Zusammenarbeit gut, wir hoffen, dass es mit dem neuen Investor so weitergeht", sagt Ulrich Wielke. „Um unsere Pläne umzusetzen, brauchen wir verlässliche Grundlagen."

Drei Wochen wird der Verein für Bergbau-, Industrie und Sozialgeschichte noch an der Dampfmaschine arbeiten und alle hoffen, dass für das historische Stück eine befriedigende Lösung gefunden wird. Ein schwarzer Stahl-Koloss, der 96 Jahre Dauerbetreib wacker durchhielt. Der Werkzeugkasten ist ordentlich bestückt. Die letzten Kreide-Eintragungen auf der Wartungstafel. Über eins der beiden großen Dampf-Ventile geht der Blick auf die Seilscheibe. In der Halle mit ihrer kaiserzeitlichen Bergwerks-Technik wirken die Menschen verschwindend klein im Torrahmen. UIrich Wielke steigt zur harten Arbeit in die Dampfmaschine. Von der Tafel „Seilfahrten" bis zu den Druckmessgeräten hinter Glasscheiben präsentiert sich die Dampfmaschine authentisch im historischen „Look".


Zechen-Gebäuden droht der Verfall
Dorstener Zeitung, Klaus-Dieter, 13. Februar 2008

Die altehrwürdige Fürst-Leopold-Lohnhalle - nur noch ein Trümmerhaufen? Die historische Dampfmaschine - ein Fall für den Schrotthändler?

(c) HagemannRegelrechte Horror-Szenarien spielten sich in den Köpfen der Zuhörer ab, als Planungsamtsleiter Holger Lohse Ausschuss-Anfragen offen beantwortete: "Ja, es ist tatsächlich so - noch ein weiterer Winter, dann sind die denkmalgeschützten Gebäude auf dem Zechengelände abgängig."

Zum Hintergrund: Wenn aufgegebene Gebäude dieser Größenordnung nicht besonders gesichert und beheizt werden, dann setzt sich schnell Feuchtigkeit in den Wänden fest. Ein strenger Winter tut ein übriges und entfaltet geradezu explosive Kraft. Zuerst fallen die Fliesen von den Wänden, dann leidet die Substanz derart, dass der Einsturz droht. Und mit jedem verlorenen Tag wird es für einen potenziellen Käufer kostspieliger, die Gebäude zu retten und einer neuen Nutzung zuzuführen.


Alarmglocke läutet

Genau diese Gefahr sehen Ratsmitglieder, bei denen nach der Zustandsbeschreibung der Verwaltung alle Alarmglocken klingelten, jetzt für das historische Gebäude-Ensemble auf dem Fürst-Leopold-Gelände.

Und das Risiko ist keineswegs übertrieben, wie Manfred Wissing bestätigt. Aber der Vorsitzende des Dorstener Vereins für Bergbau- und Industriegeschichte ist dennoch optimistisch. Grundlage dafür ist ein Gespräch mit dem Investor. Die Prisma GmbH ist sich prinzipiell seit langem mit der Montan-Grundstücks-Gesellschaft (MGG) handelseinig. In den nächsten Wochen, so heißt es, solle es zu einer Entscheidung kommen und das Vertragswerk besiegelt werden.

Hoffnung besteht

(c) NieswandtWissing: "Wir haben mit unserem Nutzungskonzept für die denkmalgeschützten Gebäude großes Interesse gefunden und gehen davon aus, dass wir selbst ein Torhaus übernehmen können." Auch dafür, dass die historische Dampfmaschine auch in Zukunft noch interessierten Besuchern vorgeführt werden kann, bestehe Hoffnung.

Mitte des Jahres wird die Dampfmaschine zwar vom Bergbau stillgelegt und durch einen Elektromotor ersetzt. Aber wenn sie fachgerecht vor Feuchtigkeit geschützt wird, sieht der Verein Möglichkeiten, sie mit einem anderen Antrieb in Gang zu setzen. Der Kontakt mit dem pensionierten Mitarbeiter der Wartungsfirma, dem einzigen, der noch über die speziellen Kenntnisse verfügt, ist bereits hergestellt.

 


Förderturm der Zeche Fürst Leopold zu Fall gebracht
Dorstener Zeitung, Rüdiger Eggert, 13. April 2008

Dorsten hat ein Wahrzeichen verloren.
Am Freitagabend ist der Förderturm von Schacht 1 auf Fürst Leopold kontrolliert zu Fall gebracht worden. Das Fördergerüst sollte eigentlich in den Morgenstunden des Samstag fallen.

(c) Ulrich WilkeEnttäuschte Gesichte bei den Schaulustigen rund um das Zechengelände. Auf dem Parkplatz an der Lehrwerkstatt kamen immer wieder Leute, die das Einknicken des Koloss miterleben wollten. „Da hängt Herzblut an dem Turm und nun ist er verschwunden“, Heinrich Günther (72) ehemaliger Kumpel. Ein wenig sauer auch die anderen Besucher, viele von ihnen haben auf der Zeche gearbeitet. Heinrich Günter ist schon gegen 8 Uhr zur Zeche gefahren und war enttäuscht, dass das Gerüst schon am Boden lag. Dann hat er Brötchen gekauft ist nach Hause gefahren, hat mit seiner Frau gefrühstückt. Eine Stunde später stand er mit dem Fernglas wieder am Zaun und schaute in den Trümmerhaufen.
“Mein Vater hat hier seine Knochen gelassen, er ist 1951 tödlich auf der Zeche verunglückt“, so Heinrich Günther, „Ich habe hier 35 Jahre gearbeitet, 1991 war meine letzte Schicht.“

Die meisten der Schaulustigen haben eine enge Beziehung zum Bergwerk. So auch Peter Bege (56), von 1965 bis 2000 auf Leopold. Er hat hier seine Lehre gemacht und als Schlosser unter Tage gearbeitet.

Neben ihm steht Manfred Auberger (60), Schlosser und Ausbilder unter Tage, auch er wolllte noch einen letzten Blick auf den Stahlturm werfen. Einig sind sich alle drei: Dorsten hat ein Wahrzeichen verloren.

Turm war instabil geworden

(c) Volker Jenau„Gefahr in Verzug“, so Udo Schmidt, von der DSK. In den Abendstunden war der Turm durch Brennarbeiten instabil geworden, zudem prognostizierte der Wetterbericht Windböen. Kurz entschlossen wurde ein kontrollierter Sturz eingeleitet.

Zwei Bagger zogen mit Stahltrossen das 500 Tonnen und über 60 m hohe Gerüst auf die Seite. Nach Aussagen der DSK hätte der Wind die Konstruktion sonst auf benachbarte Gebäude drücken können.

Erschrockene Anwohner in Hervest hörten gegen 21:30 Uhr ein schreckliches Getöse. Bei der Feuerwehr und Polizei gingen Anrufe von besorgten Anwohnern ein. Die Aktion war so kurzfristig, dass nicht einmal die Behörden informiert werden konnten.
 


Gute alte Zeit auf dem Pütt lebte wieder auf
Dorstener Zeitung, AR, 17. Juni 2007
 

Es rattert, zischt und pfeift - die alte Fördermaschine von Fürst Leopold lässt heute mal so richtig Dampf ab. Der Duft von Schmieröl liegt in der Luft. Warme Luft schlägt den Besuchern entgegen, die sich neugierig um den Dampf-Riesen scharen.


(c) Dorstener Zeitung, Eggert«Spannend» findet der achtjährige Jens das. Sein Opa erklärt ihm eine Tafel, an der sich ein Pfeil synchron mit dem Förderband bewegt. «Schau, die Striche stehen für die Sohlen, jetzt sind sie also unter Tage.» Herbert Tillman war selbst jahrelang als technischer Angestellter auf Fürst Leopold tätig. «Es ist ein trostloses Gefühl, wenn ich jetzt sehe wie hier alles so langsam verkommt.» Der Wulfener erinnert sich noch an Zeiten, als die 1915 gebaute Dampfmaschine von einem eigens dafür Angestellten täglich blitzeblank poliert wurde. «Irgendwann gibt es so was nicht mehr, das ist schon traurig», meint der Wulfener.

Dagegen kämpft der Verein für «Industrie-Bergbau- und Sozialgeschichte» und bietet deswegen auch am Bergfest, das in seiner Tradition natürlich eng mit dem Bergbau verbunden ist, Führungen an. Zu jeder vollen Stunde lotsen Vereinsmitglieder wie Manfred Wissing, die Fürst Leopold noch unter Tage gesehen haben, die Besucher über das Gelände.

Gerade bedient Phillip (14) die Maschine. Er sitzt in einem Stuhl und bedient mit den Füßen ein Pedal. «Tritt ruhig fester - bis es zischt», rät ihm Manfred Pyka, der Fördermaschinist. Auf seiner weißen Arbeitskluft fehlt nur noch schwarzer Ruß und schon würde man sie vor sich sehen: Die gute alte Zeit auf dem Pütt. Hier dampft also ein Stück Kulturgeschichte vor sich hin - und die Vereinsmitglieder haben Angst, dass bald alles verdampft.
Manfred Pyka (rechts)

«Wenn der Dampf abgestellt wird und wir die Maschine vorher nicht konserviert bekommen, dann ist es vorbei», weiß Wolfgang Trosch, Geschäftsführer des Vereins. Im Pförtnerhäuschen informiert er die Besucher über Bergwerksgeschichte und den gewünschten Erhalt der Industriedenkmäler. «Gestern konnten wir zehn Mitglieder dazu gewinnen», freut sich Wolfgang Trosch.